Wenn ich winken muss, werde ich winken

Es gibt Wörter, die immer wieder für Diskussionen sorgen. Beide Parteien möchten unbedingt recht haben. Oft ist die Enttäuschung groß, wenn man am Ende nur die Schultern zucken kann. Besonders vorsichtig werde ich, wenn ich als Unbeteiligte mit in den Streit hineingezogen werde und das mit den Worten: „Annika, du hast das doch studiert, das musst du doch wissen!“ Na klar …

 

Ja, ich gebe es zu: Die deutsche Sprache kann jahrelange Glaubenssätze zerstören. Der Zankapfel: Ich habe gewunken oder ich habe gewinkt? Ohne darüber nachzudenken, was ich ins Rollen bringen könnte, antwortete ich naiv: „Gewinkt.“ Von der einen Seite hörte ich ein triumphierendes „HA!“ Aus der anderen Ecke kam lauter Protest „Bitte? Das kann doch nicht sein. Das klingt doch vollkommen bescheuert.“ „Das Partizip II von winken ist gewinkt – normalerweise, allerdings …“ Weiter kam ich nicht mit meinen Ausführungen. Unter lauten Protest wurde das Handy gezückt. Dank modernster Technik dauerte es keine halbe Minute und mir wurde der kleine Bildschirm siegesgewiss unter die Nase gehalten „Siehst du! Der Duden sagt gewunken!“ Der Streit ging weiter „Ja, aber da steht auch gewinkt …“, „Ja, aber da steht auch gewunken …“ und so weiter …

 

Ja, aber …

An dieser Stelle möchte ich Schluss machen mit der Verwirrung. Vorab: Winken ist ein schwaches Verb. Genau wie sagen, kaufen, beten oder bauen werden schwache Verben gebildet, indem lediglich das Präfix und das Suffix sich verändern, der Vokal in der Mitte bleibt gleich:

sagen – sagte – gesagt

kaufen – kaufte – gekauft

beten – betete – gebetet

bauen – baute – gebaut

 

Ich denke, das Muster ist klar.

 

Und starke Verben? Die sind so stark, dass man ihren Wortsinn auch dann erkennt, wenn der Stammvokal sich ändert – so kann man sich zumindest die Unterscheidung von stark und schwach merken. Sie bilden nämlich ihre Vergangenheitsform mithilfe ihres Vokals. Das nennt man in der Sprachwissenschaft Ablaut. (Linguistisch betrachtet ein sehr spannendes Thema, aber an dieser Stelle würde das zu weit führen.)

 

Beispiele für starke Verben sind singen, sehen, liegen und nehmen:

singen – sang – gesungen

sehen – sah – gesehen

liegen – lag – gelegen

nehmen – nahm – genommen

 

Und winken?

Winken ist ein schwaches Verb – um beim Vokal i zu bleiben – genau wie stillen. Denn da würde ja auch niemand auf die Idee kommen, das schwache Stillen (im Wortsinn!) plötzlich stark zu flektieren:

Stillen – stillte – gestullt

 

Aber winken?   

Winken – winkte – gewunken

 

„Nun ja“, wird jetzt der findige Duden-Leser richtigerweise sagen „da steht aber trotzdem gewunken als Möglichkeit.“ Ja, und außerdem habe ich das Gefühl, dass immer mehr Leute gewunken sagen … unter uns: Es klingt auch viel besser. Und hier haben wir auch schon die Antwort auf die Frage gewinkt oder gewunken.

 

Winken entwickelt sich langsam aber sich zu einem starken Verb, weil es einfach besser klingt, gewunken zu sagen. Gewinkt klingt für viele Menschen komisch – ich gebe zu, ich habe auch den Leuten lieber zugewunken.

 

Aber die deutsche Sprache ist nicht bekannt für seine Launenhaftigkeit: Warum klingt es also besser? Das Wort winken hat starke Ähnlichkeit mit anderen Verben, die gleichartig klingen aber stark gebeugt werden: sinken, klingen, trinken.

 

Diese Wörter haben ein i vor dem Konsonanten ŋ. Wenn wir in Gedanken einmal durchzählen, wie viele schwache Verben es gibt, die so ein Konstrukt aufweisen, dann sind das wirklich, wirklich wenig: blinken, hinken … und dann müsste ich schon überlegen … schminken … und noch ein paar vereinzelte mehr.

 

Der Sprung in der gesprochenen Sprache von winken zu gewunken ist also gar nicht so weit und auch nicht so verwunderlich. So schnell wird aus schwach stark.

 

Der Vollständigkeit halber: Das geht auch andersherum

Ein einfaches Beispiel ist backen. Das Präteritum zu backen ist eigentlich buk, da es sich um ein starkes Verb handelt. Aber wer sagt denn heute noch ich buk? Bis auf fanatische Sprachpfleger wahrscheinlich keiner mehr: Ich backte ist heute viel geläufiger.

 

Fazit: 2016 hat der Duden nachgezählt, wie häufig welche Form von winken gebraucht wird. Das Ergebnis war, dass beide Formen sowohl in Schrift als auch in der gesprochenen Sprache gebraucht werden.

 

Legt also die Winke-Waffen nieder! Beides ist richtig. Und wenn man sich damit nicht anfreunden kann, dann könnte man doch wedeln, schwingen, schwenken, sich bemerkbar machen, die Hand heben oder einfach grüßen.