Bindestriche und Mark Twain

Meine ehemalige Studienbegleiterin und noch immer sehr geschätzte Freundin ist geradezu ein Genie, wenn es um die Zeichensetzung geht. Wo auch ein Komma seinen Platz finden muss: Sie weiß, wo, warum und wahrscheinlich sprachgeschichtlich auch seit wann – wundern würde es mich zumindest nicht.

Daher auch mein Erstaunen über einen Text von eben jener Freundin, in dem ich doch über den einen oder anderen falsch gesetzten Bindestrich stolperte. Als ich sie fragte, grinste sie verlegen und erklärte mir, dass sie noch nie verstanden habe, was man denn nun mit Bindestrich schreibt und was nicht. Mein erster Gedanke: „Ist doch klar: Komposita schreibt man zusammen.“ Doch schaut man sich im Schilderwald vor der Tür und im Internet um, erkennt man doch, dass Uneinigkeit darüber herrscht, ob und was mit Bindestrich geschrieben wird. Es ist anscheinend doch nicht so einfach, wie ich dachte. So liest man, dass es jetzt den „Sonder-Preis“ gibt und wir „Achtsamkeits-Übungen“ machen sollten.

Länger, immer länger

Ein Kompositum beinhaltet zwei oder mehr Substantive. Setzt man zwei Worte zusammen, beispielsweise Weihnacht und Baum, erhält man das neue Wort Weihnachtsbaum. Dabei beschreibt das erste Wort, welcher Art das zweite Wort ist: Es handelt sich in diesem Beispiel also um einen Baum, der etwas mit Weihnachten zu tun hat. Gleiches gilt für Badreiniger: ein Reiniger, der das Bad säubert.

 

Diese Art der Wortzusammensetzung war auch ein Grund, warum Mark Twain kein großer Fan der deutschen Sprache war.

 

In seinem Text „Die schreckliche deutsche Sprache“ schrieb er unter anderem: „Manche Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann. […] Das sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets.“ Seine Beispiele sind übrigens: Freundschaftsbezeigungen, Stadtverordnetenversammlung und – mein persönlicher Favorit – Dilettantenaufdringlichkeit.

 

Dennoch folgen auch diese Monstren von Wörtern der eben dargelegten Regel: Die Versammlung ist eine der Stadtverordneten.

Hier bitte mit Bindestrich

Aber gerade in Werbung und Marketing muss es schnell gehen, doch ein Wort, das 27 Zeichen umfasst, ist kaum im Vorbeigehen zu erfassen. Hier wirken Bindestriche wahre Wunder und sind auch grammatikalisch ein probates Mittel, um etwas Verständlichkeit in lange Buchstabenketten zu bringen.

 

Nehmen wir das Beispiel Radioweckermechaniker. Soll ein Bindestrich gesetzt werden, sollte dies immer einen Hauptsinneinschnitt markieren. Das heißt, dass der Mechaniker Radiowecker repariert, also Radiowecker-Mechaniker und nicht etwa Radio-Weckermechaniker.

  

Ein Bindestrich sollte auch bei Fügungen mit englischen Begriffen, Fremdwörtern, Eigennamen und Abkürzungen verwendet werden. So gibt es das „Mainstream-Fernsehen“, das „Assessment-Center“ oder auch die „Science-Fiction-Literatur“ sowie den „Abc-Schützen“. 

 

Hier noch einige andere Anwendungsfälle:

  • um Missverständnisse zu vermeiden: Bild-Erfassung oder Bilder-Fassung
  • bei gleichen Buchstaben: Kaffeeersatz wird dann zu Kaffee-Ersatz
  • bei Vokalen, die die Lesbarkeit beeinträchtigen: Video-Installation, Lotto-Annahmestelle
  • beim sogenannten Durchkoppeln: Mund-zu-Mund-Beatmung, Fünf-Prozent-Hürde
  • bei Verwendung einfacher Sprache. 

Und nur damit es hier nicht zu Missverständnissen kommt: Ja, auch bei diesen Regeln gibt es Ausnahmen. 

 

Wie Mark Twain einst sagte: „Es gibt ganz gewiss keine andere Sprache, die so unordentlich und systemlos daherkommt und dermaßen jedem Zugriff entschlüpft. Aufs Hilfloseste wird man in ihr hin und her geschwemmt, und wenn man glaubt, man habe endlich eine Regel zu fassen bekommen, […] blättert man um und liest: ‚Der Lernende merke sich die folgenden Ausnahmen.‘ Man überfliegt die Liste und stellt fest, dass es mehr Ausnahmen als Beispiele für diese Regel gibt.“

 


Mitglied im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren e. V.
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